«Der Umgang mit persönlicher Vorsorge ist stark kulturell geprägt»
Jacline Ferahyan hat während ihrer Tätigkeit bei Pro Senectute Kanton Zürich Klientinnen und Klienten mit verschiedenen kulturellen Hintergründen beraten. Aus ihrer Erfahrung haben Themen wie Alter und Tod je nach Herkunft einen anderen Stellenwert. Und genau das kann in Familien zunehmend zu Spannungen führen.
Welche Rolle haben während deiner Zeit als Beraterin bei Pro Senectute Kanton Zürich andere Sprachen und Kulturen gespielt?
Andere Kulturen und Sprachen prägten meinen Berufsalltag stark. Ich begleitete unter anderem Klientinnen und Klienten aus tamilischen, irakischen, spanischen oder türkischen Communities sowie aus vielen weiteren kulturellen Hintergründen. Dadurch gestaltete sich die Kommunikation sehr vielfältig. Beratungen fanden teilweise auf Englisch oder in vereinfachter Sprache statt. Besonders die kulturellen Unterschiede beeinflussten dabei wesentlich, wie ich beraten habe, etwa in Bezug auf Gesprächsführung, Verständnissicherung, Erwartungen an professionelle Rollen oder den Umgang mit sensiblen Themen.
Gibt es in deiner Erfahrung kulturelle Unterschiede in der Art, wie Menschen mit der persönlichen Vorsorge umgehen?
Definitiv. Der Umgang mit persönlicher Vorsorge ist stark kulturell geprägt. In vielen asiatischen und südeuropäischen Kulturen haben Alter und Tod einen anderen Stellenwert als in der Schweiz. Ältere Menschen werden dort traditionell stark in die Familie eingebunden, und Pflege oder Betreuung wird häufig von Angehörigen übernommen.
Gerade hier entstehen aber zunehmend Spannungen. Viele erwachsene Kinder sind im hiesigen Wertesystem aufgewachsen, stehen mitten im Berufsleben und tragen finanzielle Verantwortung, sei es durch hohe Mietkosten, eigene Familien oder unregelmässige Arbeitszeiten. Die Vorstellung, zusätzlich eine umfassende Pflege- oder Betreuungsrolle zu übernehmen, entspricht oft nicht mehr ihren realen Möglichkeiten. Das führt zu Konflikten zwischen familiären Erwartungen und den tatsächlichen Belastungen.
Auch beim Thema Tod gibt es kulturell verankerte Traditionen und Rituale, die unbedingt eingehalten werden sollen. Persönliche Wünsche der betroffenen Person werden dabei nicht immer aktiv erfragt oder besprochen, weil familiäre oder religiöse Vorgaben im Vordergrund stehen.
Sorgen Sie für den Ernstfall vor: der Docupass ist die anerkannte Gesamtlösung für die persönliche Vorsorge.
Zum DocupassWas waren typische Knackpunkte, die es allenfalls zu bewältigen gab?
Ein typischer Knackpunkt war oft die Vermittlung zwischen den Generationen. Viele ältere Menschen hatten klare kulturelle Vorstellungen darüber, wie ihre Kinder im Pflege- oder Betreuungsfall für sie da sein sollten. Ein weiterer Punkt war, dass diese Vorstellungen und Wünsche festgehalten werden müssen, zum Beispiel in einer Patientenverfügung oder einem Vorsorgeauftrag. Viele Klientinnen und Klienten dachten anfangs, es reiche aus, dass «die Kinder das dann schon wissen». In der Realität führt genau das aber zu Unsicherheiten oder Konflikten, gerade wenn mehrere Angehörige beteiligt sind oder die Lebenssituation der Kinder gar nicht zulässt, alles zu übernehmen.
Deshalb war ein wesentlicher Teil meiner Arbeit, beide Seiten an einen Tisch zu bringen, Missverständnisse aufzulösen und Wege zu finden, wie die Wünsche der älteren Person klar dokumentiert und für die Angehörigen entlastend geregelt werden können.
Eine schöne Situation, die dir in Erinnerung geblieben ist?
Schöne Situationen gab es wirklich viele. In der Arbeit mit älteren Menschen erlebte ich oft eine grosse Dankbarkeit und viel Herzlichkeit. Immer wieder wurde ich liebevoll mit selbstgemachtem Essen überrascht, von Börek bis hin zu rotem Curry war alles dabei. Das war natürlich sehr schön.
Die wirklich berührenden Momente waren für mich jedoch die, in denen sich Klientinnen und Klienten verstanden, ernst genommen und gesehen fühlten. Sobald sie merkten, dass ihre Sorgen Platz haben und sie nicht bewertet werden, entstand oft eine spürbare Entspannung. Dieses Vertrauen zu erleben und zu wissen, dass jemand sich sicher genug fühlt, um offen zu sprechen, das waren für mich die schönsten Augenblicke in der Beratung.