Grosse Unterschiede im Umgang mit persönlicher Vorsorge

Als Präsident des Nationalen Forums Alter und Migration hat sich Claudio Bolzman zum Ziel gesetzt, Fachpersonen der Altersarbeit noch stärker für die vielfältigen Lebensumstände zu sensibilisieren.

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Wo und in welchem Rahmen informieren sich ältere Migrantinnen und Migranten bzw. deren Angehörige in der Schweiz über Themen wie die persönliche Vorsorge?

Ältere Migrantinnen und Migranten stellen keine homogene Bevölkerungsgruppe dar. Je nach Herkunftsland, Bildungsniveau, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Situation, Sprachkenntnissen, Art der Aufenthaltsbewilligung und vielen anderen Faktoren gibt es eine grosse Vielfalt an Profilen. Auf der einen Seite gibt es beispielsweise Institutionen wie die Vereinigung ehemaliger internationaler Beamter (AAFI) in Genf, die sich mit diesen Themen bestens auskennen und Veranstaltungen organisieren, um ihre Mitglieder über alle Fragen der persönlichen Vorsorge zu informieren, wie z. B. Patientenverfügungen, Anordnungen im Todesfall oder die Erstellung eines Testaments. Andererseits gibt es jedoch ältere Migrantinnen und Migranten, die über keinerlei Informationen zu diesen Themen verfügen. Zwischen diesen beiden Polen gibt es noch jene, die Organisationen wie Pro Senectute oder die italienischen Patronati kennen und sich direkt an solche Stellen wenden, wenn sie Informations- oder Beratungsbedarf zu bestimmten Fragen haben.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Herausforderungen bei der Aufklärung der älteren migrantischen Bevölkerung über Themen wie persönliche Vorsorge, und welche Lösungsansätze kennen Sie?

Ein Teil der älteren migrantischen Bevölkerung verfügt, wie viele ältere Menschen, über die notwendigen Ressourcen, um sich ohne grössere Probleme über die persönliche Vorsorge zu informieren. Ein anderer Teil, der besonders vulnerabel ist, sieht sich oft mit anderen dringenden Fragen konfrontiert, beispielsweise mit finanziellen Problemen am Monatsende, Formalitäten für den Bezug von Ergänzungsleistungen, gesundheitlichen oder familiären Sorgen usw. Diese Menschen sind ständig mit kurzfristiger Problemlösung beschäftigt, was es ihnen erschwert, sich auf eine Zukunft zu konzentrieren, die ihnen fern erscheint.

Die Fachkräfte der Sozialdienste, die diese Personen begleiten und ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufgebaut haben, können ihnen grundlegende Informationen über die persönliche Vorsorge vermitteln. Ein weiterer interessanter Weg ist die Zusammenarbeit mit migrantischen Vereinigungen, um Informationsveranstaltungen zu diesem Thema zu organisieren und/oder Ansprechpersonen in diesen Vereinigungen auszubilden.

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Welchen Einfluss hat der kulturelle Hintergrund auf die Art und Weise, wie die oft schwierigen Fragen im Zusammenhang mit der persönlichen Vorsorge (Patientenverfügung, Anordnung im Todesfall, Testament, Vorsorgeauftrag usw.) angegangen werden?

Wir leben in Gesellschaften, in denen die Vorsorge für die Zukunft einen hohen Stellenwert hat, ebenso wie die Eigenverantwortung für die Vorbereitung auf die verschiedenen Lebensphasen. Wir leben aber auch in Gesellschaften, in denen Themen wie das Lebensende, der Verlust der Urteilsfähigkeit oder der Tod für viele Menschen tabu sind. Das macht es schwieriger, sich gelassen mit der persönlichen Vorsorge auseinanderzusetzen. Die meisten älteren Migrantinnen und Migranten und ihre Angehörigen bilden hier keine Ausnahme und handeln erst, wenn sie direkt mit diesen Fragen konfrontiert sind.

Andere überlassen ihr Schicksal mit einem gewissen Fatalismus dem Zufall. Und manche Menschen haben eine eher gemeinschaftliche Einstellung zu Fragen rund um das Lebensende, Krankheit oder Tod. Sie ziehen es vor, diese Themen im Gespräch mit Familienmitgliedern oder Mitgliedern ihrer Gemeinschaft zu erörtern, anstatt sich allein und auf Papier damit auseinanderzusetzen. Beispielsweise werden Entscheidungen über die palliative Versorgung oder die Überführung eines Leichnams in Gesprächen mit den Angehörigen getroffen.

Eines der Ziele des Forums Alter und Migration ist es, Fachkräfte im Altersbereich für die Biografien und Lebensumstände der älteren Migrationsbevölkerung zu sensibilisieren. Wie erreichen Sie dieses Ziel konkret, und welche Rolle spielt dabei die persönliche Vorsorge?

Wir setzen verschiedene Mittel ein, um Fachkräfte aus den Bereichen Alter und Migration für die Lebenswege, Lebensbedingungen und Rechte der älteren Migrationsbevölkerung zu sensibilisieren. Wir verfügen über eine zweisprachige Website (Deutsch und Französisch), die wir auch um Italienisch erweitern möchten. Sie enthält wichtige Informationen betreffend diese Bevölkerungsgruppe. Wir organisieren regelmässig Kolloquien mit Fachleuten zu verschiedenen Themen und stützen uns dabei auf Forschungsergebnisse, Erfahrungen aus der praktischen Arbeit sowie Erfahrungsberichte der betroffenen Personen. Darüber hinaus nehmen wir an Studientagen teil, die von unseren Mitgliedern oder anderen Organisationen ausgerichtet werden und die sich mit den Besonderheiten älterer Migrantinnen und Migranten befassen. Wir unterstützen unsere Mitglieder bei innovativen Forschungsvorhaben oder Massnahmen zu Problematiken, die ältere Migrantinnen und Migranten betreffen.

Die Frage der persönlichen Vorsorge ist bisher in unserem Forum noch nicht systematisch behandelt worden, aber es ist klar, dass dies eine unserer wichtigsten Herausforderungen für die Zukunft ist.

Sie sind seit vier Jahren Präsident des Forums Alter und Migration. Gibt es einen Erfolg, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Das Nationale Forum Alter und Migration hat 2023 sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. In jenem und im darauffolgenden Jahr haben wir drei themenspezifische Studientage organisiert, um Fachkräften und der interessierten Öffentlichkeit vertiefte Kenntnisse über die Herausforderungen betreffend ältere Migrantinnen und Migranten und ihre Angehörigen zu vermitteln. Dabei haben wir uns detailliert mit drei Themenbereichen auseinandergesetzt: Erstens den Forschungsstand und die aktuellen Herausforderungen rund um Migrantinnen und Migranten, zweitens das Thema «Gedächtnis und Erinnerungen im Migrationskontext» und drittens das Thema «Demenz im Migrationstext». Die Inhalte sind in Zusammenarbeit mit der Haute École de travail social Lausanne, der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften und dem BAG entstanden. Diese Studientage waren sehr gut besucht und boten eine Fülle an Informationen und Austauschmöglichkeiten. Eine weitere wichtige Entwicklung ist die stärkere Präsenz des Forums in der Westschweiz und die Intensivierung der Kontakte zur italienischen Schweiz. Damit gewinnt es zunehmend an nationaler Bedeutung.

Zur Person: Claudio Bolzman ist Präsident des Nationalen Forums Alter und Migration und Mitglied der Kommission Alter und Migration der Plattform des Netzwerks Seniors Genève. Er hat einen Doktortitel in Soziologie und ist Honorarprofessor an der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO Genf). Er hat zahlreiche Forschungsarbeiten durchgeführt und diverse Publikationen zu Fragen des Alterns und der Migration veröffentlicht.

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